Politisches
Nachrichten aus einer sterbenden Medienbranche.
Wer hier öfter vorbeischaut, weiss, dass ich mich immer mal wieder mit der Zukunft der Printmedien beschäftige. Nicht immer optimistisch, aber auch nicht komplett Schwarz sehend.
Insofern lese ich mir weiterhin alles durch, was mit dem Thema zu tun hat. Zwei
Spiegel Online beschäftigt sich anscheinend ebenfalls mit der Zukunft der Printmedien. In diesem Artikel erzählen mehrere Menschen unter 30 über ihr Verhältnis zu Print und Digital Medien.
Fazit: Junge Leute lesen ihre News zumeist digital, nur wenige lesen Zeitungen, oder Bücher. Dazu hätte es im Prinzip keine neue Umfrage gebraucht, das hätte man sich denken können.
Zum anderen regt mich das geplante Leistungsschutzrecht auf. Aber das scheint sich gerade zu erledigen. Zum einen finden einige Koalitionspolitiker ihre Eier wieder, zum anderen wurde bei der Abwicklung des Gesetzantrags geschlampt, sodass es in dieser Legislaturperiode vermutlich nicht mehr verabschiedet wird und das Diskontinuitätsprinzip greift.
Wäre sehr erfreulich, wenn sich das Gesetz auf diese Weise still verabschiedet.
Der große Unsinn Leistungsschutzrecht.
Stell dir vor, du hast unglaublich viele Freunde, und tust einem wildfremden armen Mann den Gefallen, all deinen Freunden von diesem Mann zu erzählen. Damit deine Freunde diesen Mann besuchen, seiner Geschichte zuhören. Denn so kann dieser arme Mann sein Geld verdienen.
Stell dir vor, du hast einen einzigen Satz aus der Geschichte dieses armen Mannes zitiert, um deinen Freunden den Besuch schmackhaft zu machen. Nur der erste Satz, der mit dem er normalerweise seine Geschichte beginnt, damit deine Freunde wissen wollen wie es weitergeht und ihn besuchen müssen.
Und jetzt stell dir vor, dieser arme Mann hält die Hand auf und verlangt, dass du im Geld zahlst. Weil deine Freunde diesen armen Mann besucht haben. Weil du einen Satz seiner Geschichte benutzt hast.
Das ist das Leistungsschutzrecht. Und die Moral von der Geschicht? Hilf einem alten armen Manne nicht? Das zumindest würde ich tun, wenn ich Google, Bing oder Yahoo! wäre.
Denn das Leistungsschutzrecht verlangt, dass Suchmaschinen Geld an Verlage zahlen müssen, wenn sie Suchtreffern mit Snippets aus den Artikeln der Verlage zeigen. Was sie letztendlich machen, um diese User per Link auf die Website der Verlage zu schicken.
Der Elektrische Reporter erklärt es ganz gut:
Wiedermal frage ich mich, ob die Politiker, die uns zur Zeit regieren, überhaupt noch die Einschläge bemerken?
Viel Lärm um nichts: Sarrazins neues Buch ist anscheinend gar nicht so kontrovers.
Das Geschrei war groß und Thilo Sarrazin steht seit dem letzten Wochenende wiedermals als der kontroverse Buhmann da. Laut diesem Artikel der Welt allerdings völlig zu unrecht. Das Buch enthält anscheinend keine ähnlich schlimmen Aussagen wie bei “Deutschland schafft sich ab“.
Der schlimmste Vorwurf ist laut dem Artikel schlichtweg falsch zitiert:
Denn die Verbindung zwischen dem Euro und Deutschlands Schuld am Zweiten Weltkrieg hatte nicht Sarrazin gezogen, sondern Helmut Schmidt, ohne dass sich auch nur ein Mensch darüber erregt hätte. Sarrazin meint lediglich: Wenn das tatsächlich bei den Überlegungen der politisch Handelnden eine Rolle spielen sollte, müsse das offengelegt und sorgfältig von anderen ökonomischen und politischen Argumenten pro und kontra Gemeinschaftswährung getrennt werden.
Man müsste ihn eher schimpfen, Deutschland mit seinem über 460 Seiten langen Buch zu langweilen, mit Statistiken und Zahlenkollonnen zu bombadieren, bis das Unverständnis von der Müdigkeit überholt wird.
Schlimm finde ich es, dass das Geschrei in Deutschland schon ausbricht, bevor die Leute das Buch überhaupt gelesen haben.
Mich würde in dem Zuge mal interessieren, wie viele Leute das “Skandalbuch” davor gelesen haben? Nicht falsch verstehen, ich finde die Thesen über die Vererbung von Intelligenz und den Genen für Intelligenz falsch, bzw. sogar gefährlich. Aber neben all dem Quatsch gab es in dem Buch extrem viele beängstigende Statistiken, die mit diesen Thesen überhaupt nichts zu tun haben. Die aber, wenn auch nur ein Teil davon auf die Zukunft projizierbar ist, echt Angst machen. Was die Altersvorsorge angeht, z.B., oder die globale Wettbewerbsfähigkeit in den nächsten Jahrzehnten.
Ich schweife ab. Was bleibt: Ich werde dieses Buch lesen, damit ich mir meine eigene Meinung bilden kann. Das sollte jeder tun, bevor er sich dem Geschrei der Medien anschliesst, egal ob es Sarrazin oder einen anderen Buchautoren betrifft.
Protest ohne Hintergrundwissen ist ebenfalls gerfährlich.
Und auch wenn es schon 14 Jahre her ist, dass ich mich in meinem Economics Studium durch dicke Bücher volkswirtschaftlicher Thesen gearbeitet habe – ich denk mal Vieles wird mich an meine Abschlussarbeit erinnern. In der habe ich 1998 anhand von diverser dynamischer VWL Modelle errechnet, dass es mit der Europäischen Währungsunion auf lange Sicht nicht gut gehen kann. Nicht, dass das eine bahnbrechende Erkenntnis gewesen wäre, aber dennoch. Jetzt bin ich gespannt darauf, was Thilo Sarrazin im Nachinein für einen Schluss aus den Geschehnissen zieht.
Wer weiss eigentlich, wie gefährlich der ESM für Deutschland ist?
Während sich alle um die Skandales des alten und Wahl des neuen Bundespräsidenten kümmern, geht im Hintergrund die Verabschiedung des ESM (European Stability Mechanism) voran. Was damit verabschiedet wird, ist geradezu erschreckend. Die Deutsche Regierung entmachtet sich damit in vielerlei Hinsicht quasi selbst. Das hat irgendwie historische Parallelen.
Worum geht’s? Der ESM kann in Zukunft jegliche Euro Beträge aus allen Europäischen Ländern (und hier sicherlich ganz besonders Deutschland) abrufen, ohne selbst belangt oder überprüft zu werden.
In dem folgenden Video wird das etwas näher erklärt:
Die wichtigsten Facts für Leute ohne Zeit für die 4 Minuten:
- Der ESM wird eine bankähnliche Behörde auf europäischer Ebene, die von den Staaten Europas mit einer Frist von sieben Tagen (inkl. Wochenende) jegliche Euro Beträge nach eigenem Gusto abrufen darf (also nicht ‘nur’ die 700 bislang angekündigten Milliarden Euro).
- Der ESM kann von den Regierungen in Europa nicht verklagt oder zur Rechenschaft gezogen werden.
- Die ESM-Vertreter genießen vollständige Immunität.
- Nationale Gesetze und Verfassungen der europäischen Staaten sind für die Belange des ESM außer Kraft gesetzt.
- Der ESM wird nicht durch demokratische Wahlen legitimiert.
- Auch später gewählte europäische Regierungen kännen an den Beschlüssen nichts mehr ändern.
Damit scheint völlig klar, wohin die Reise geht. Ich frage mich, warum die Politiker in Berlin letztendlich mitziehen? Aber auch, warum das bislang so wenig in der Presse thematisiert wurde? Und, viel wichtiger: ist das nicht ein Fall für das Verfassungsgericht? Schliesslich ist ein nicht unwichtiger Bestandteil unserer Verfassung, dass der Bundestag sich nicht selbst entmachten darf.
Netzfundstücke und Lesetipps – KW 7
Mal wieder ein paar Linktipps aus der vergangenen Woche:
- Jürgen Vielmeier appelliert an Deutsche Startups, nicht mehr “Deals” im Namen zu haben – oder sogar gleich eine neue Idee an den Start zu bringen. Wie viele Deals Plattformen braucht es noch?
- Wo wir schon bei Deals sind: Wynsh.com bietet eine App an, mit der Location basiert direkt im Laden Rabatte bekommen kann. Das funktioniert mit ein wenig Spielerei: in teilnehmenden Geschäften ein Foto vom gewünschten Produkt machen und damit einen Rabatt bekommen. Die Krux: es gibt noch nicht wirklich viele teilnehmende Geschäfte.
- Anlässlich der weltweiten Social Media Week hat man sich Gedanken darüber gemacht, was die heutigen Hipster in 2062 erzählen werden:

- Gunnar Sohn kommentiert ein paar “beunruhigende Thesen zur Netzwerk Gesellschaft” von Jan van Dijk, die man in der Tat nicht einfach so stehen lassen darf.
- Das “how People See me” – Meme wandert seit einigen Wochen durchs Web, in erster Linie sehe ich die Dinger immer auf Facebook. Laut diesem Beitrag auf Buzzfeed wurde das ganze von Garnet Hertz auf Facebook gestartet.
- Felix Schwenzel über Filter Blasen – warum diese mit ein wenig Medienkompetenz kein Problem sein sollte, und mit dem Hinweis, dass das ganze Leben Filter Blasen bereit hält. Wie war das eigentlich mit den Zeitungen? Ist die Welt nicht auch eine Filter Blase, eine ganz andere zum Beispiel als die taz oder die Bild?
Netzfundstücke und Lesetipps zum Wochenende, KW 5
Lesenswerte Newsfundstücke der letzten Tage:
Apple darf das iPad 3G und ältere iPhones in Deutschland nicht mehr verkaufen. Grund ist ein Patentstreit mit Motorola.
Ein Artikel in der Welt über die Plattform niriu.de, die das Zusammenleben in den Stadtteilen fördern will. Die Plattform wurde in Hamburg gestartet, wird aber sicherlich bald in andere Städte ausgerollt.
Es geht mal wieder die Angst vor einer neuen Internetblase um, schreibt der Tagesspiegel. Auslöser für die Debatte ist natürlich der geplante Börsengang von Facebook.
Kai Thrun äußert eine gewiße Beunruhigung über das Versagen der Medien. Zurecht, wie ich finde!
Heveling hat Recht, schreibt Nico Lumma. Damit beschreibt er die Reaktion, die die Zielgruppe von Heveling vermutlich hatte. Und dass sich diese Zielgruppe eh nicht für die Wellen interessiert, die Hevelings Kommentar im Web geschlagen hat. Hier ist übrigens mein Senf dazu.
Was ist ACTA? Wer das bis jetzt immer noch nicht weiß, sollte diesen Beitrag von Bruno Kamm dazu lesen! Denn hier geht es um die Aushebelung von Bürgerrechten zu Gunsten einiger Unternehmen der Contentindustrie.
Das Wall Street Journal beschreibt die 3 wichtigsten Technologie Meta-Trends der nächsten Jahre (gefunden bei neunetz.de)
Der erstaunliche Quatsch des Herrn Heveling
Mag sein, dass ich ein wenig spät dran bin, da diese Sau bereits vor 3 Tagen durchs Dorf getrieben wurde.
Aber dennoch. Diese Sau muss nicht nur getrieben werden – sie muss raus. Und mit ihr bitte auch alle anderen aus der CDU Politiker (aber auch die allen anderen Parteien), die so denken. Worum geht’s?
Ansgar Heveling (CDU) hat in einer Brandschreibe behauptet, dass das Web 2.0 eine jugendliche Revoluzzererscheinung ist, die früher oder später wieder verschwinden wird.
Denn, liebe „Netzgemeinde“: Ihr werdet den Kampf verlieren. Und das ist nicht die Offenbarung eines einsamen Apokalyptikers, es ist die Perspektive eines geschichtsbewussten Politikers. Auch die digitale Revolution wird ihre Kinder entlassen. Und das Web 2.0 wird bald Geschichte sein. Es stellt sich nur die Frage, wie viel digitales Blut bis dahin vergossen wird.
Aber Herr Heveling wirft nicht nur etliche Beispiele aus der Geschichte in die Waagschale, sondern hat auch eine Schreibe, bei der sich mir die Fussnägel vor Grauen aufrollen:
Wenn wir nicht wollen, dass sich nach dem Abzug der digitalen Horden und des Schlachtennebels nur noch die ruinenhaften Stümpfe unserer Gesellschaft in die Sonne recken und wir auf die verbrannte Erde unserer Kultur schauen müssen, dann heißt es, jetzt wachsam zu sein. Also, Bürger, auf zur Wacht! Es lohnt sich, unsere bürgerliche Gesellschaft auch im Netz zu verteidigen!
In was für einer Zeit befinden wir uns denn eigentlich? Wir sind doch nicht mehr im letzten Jahrhundert, wo man mit solchen Parolen Truppen anfeuern muss? Oder gibt es für Herrn Heveling tatsächlich eine Wählerschaft, die sich durch solch totalitär anmutenden Schlachtrufe auf ihren Sofas mobilisieren lässt? Schlimm, wenn das wirklich die Mehrheit wäre.
Zur Beruhigung: Wenn man sich die Entwicklung der Mediennutzung ansieht, dann gehört die Zielgruppe von Herrn Heveling bald der Minderheit an. Vergisst er doch zu berücksichtigen, dass die jüngere Generation mit dem Web 2.0 aufgewachsen ist und es so wenig vermissen wollen wird, wie Herr Heveling seinen Festnetzanschluss.
Die Tatsache, dass Herr Heveling die Zeichen der Zeit nicht erkennt, lässt ihn äußerst kurzsichtig erscheinen. Natürlich verändert sich eine Gesellschaft nicht über Nacht. Das hat sie auch bei den damaligen Revolutionen nicht getan. Die neuen politischen und gesellschaftlichen Formen haben sich in den Jahren nach einer Revolution oftmals nur langsam entwickelt. Wer weiß heute noch, dass es in den Jahren nach 1789 eine Parise Kommune gab, die eine starke sozialistische Ausprägung hatte, bevor die eigentliche Demokratie eingeführt wurde? Sicherlich die wenigsten.
Wir werden den jetzigen Zustand digitaler Piraterie in den nächsten Jahre nicht weiter so dulden können. Ebenso wenig jedoch die heutigen Copyright Gesetze. In dem Buch “Free Culture” von Lawrence Lessig gibt es eine wunderschöne Geschichte aus den USA, die sich ca. 1900 abspielte.
Bis dato hatte jeder Landbesitzer die Hoheit über sein Land – und zwar nicht nur von Zaun zu Zaun, sondern auch bis tief in die Erde und hoch in den Himmel – unbegrenzt. Dann kamen die ersten Flugzeuge – eine neue, sehr sinnvolle Technologie – und es entbrannte ein Streit darüber, ob Flugzeuge einfach ohne Erlaubnis über ein Stück Land fliegen dürfen.
Wir lächeln heute über den Gedanken, dass ein Flugzeug nicht über einen Acker eines einzelnen Bauern fliegen durfte. Wie werden wir in 100 Jahren über Musikverlage denken, die sich dagegen stemmen, dass man ein digitales Musiksstück weitergibt, obwohl der Musikverlag bei der Vervielfältigung keinerlei “Mehrwert” beiträgt – aber dennoch daran verdienen will?
Eine sehr lesenswerte Replik auf Herrn Heveling kommt übrigens von einer Seite, von der man es nicht erwartet hätte: aus dem Ausland, von niemand geringerem als Lawrence Lessig.







