Kein Grund zur Verletzung der Netzneutralität.

Netzneutralität SymbolEs gab in der Vergangenheit zwei Argumente für Netzneutralität seitens diverser Regierungsvertreter. Beide wurden so oft und immer in ähnlicher Weise wiederholt, als hätten alle das gleiche Lobbyisten-Skript auswendig gelernt.

Das erste Argument betrifft elektronische Tele-Operationen, von denen ich noch nicht herausbekommen konnte, wie oft die tatsächlich bereits stattfinden. Stattdessen habe ich irgendwo gelesen, dass für solche Zwecke eh eigene Standleitungen genutzt werden.

Das zweite Argument betrifft selbstfahrende Autos, die mit Daten aus dem Internet navigieren.

Hier die Argumente von Herrn Oettinger:

Wenn wir das Portalkrankenhaus im ländlichen Raum, das bei einem schweren Unfall vielleicht auch Operationssaal sein soll, und das Uniklinikum mit dem Oberazt macht dies, wenn diese digitale und elektronische Operation möglich sein soll, dann geht dies nur in perfekter Qualität und Kapazität der Übertragung der Anweisungen, die der Oberarzt im Organbereich Lunge oder Herz oder Kreislaufgefäße beim Patienten gibt. Das muss uns wohl doch etwas wert sein. Und da kann man doch nicht von perfekter Gleichheit reden.

Ist es wichtiger, dass im Auto hinten rechts die sechsjährige Tochter hockt, und lädt sich Musik runter, Youtube, hinten links hockt der neunjährige Bengel und macht irgendwelche Games. Ist es wichtiger, dass die beiden in Echtzeit oder der Alte vorne links in Echtzeit hört, von rechts kommt jemand? Ich finde Youtube runterladen hat ein paar Sekunden Zeit. Ich finde das Game kann auch mal nicht perfekt auf dem Bildschirm sein. Aber Verkehrssicherheit, ein kommerzieller Dienst, Gesundheit, ein kommerzieller Dienst und ein paar andere fallen mir ein, sollten von der Netzneutralität, von diesem Taliban-ähnlichen Thema abweichen dürfen. (via netzpolitik.org)

Letzteres ist mittlerweile unglaubwürdig geworden. Autobauer würden zur Sicherheit im Straßenverkehr darauf verzichten, wichtige Daten über eine Internetverbindung abzurufen. Stattdessen setzt man eher auf die Bord eigene Sensorik. Es ist also noch unklar, wozu die Netzneutralität für den Straßenverkehr verletzt werden müsse.

Sowohl die Bundesregierung als auch die EU-Kommission blieben eine Antwort auf die Frage schuldig, welche konkreten Dienste diese „Verkehrssicherheit in Echtzeit“ liefern sollen und dafür eine priorisierte Verbindung mit hoher Bandbreite im Auto benötigen. 

Fazit somit bis hierhin: Die bisher genannten Vorteile einer Aufhebung der Netzneutralität erscheinen unwirklich.

 

Die negativen Potentiale von Netzneutralität erscheinen viel konkreter.

Sollten die Daten von Spezialdiensten eine Vorzugsbehandlung erfahren, dann ist der Schritt laut der Befürworter der Netzneutralität nicht mehr weit, auch anderen Diensten gegen Bezahlung Vorrang zu geben. Das wäre interessant für alle Telekommunikationsanbieter, weil sie in dem Fall auf zwei Seiten abkassieren könnten. Auf der einen Seite müssen Internetnutzer für höhere Bandbreiten zahlen, auf der anderen die Anbieter von Daten (Videoportale, Musikstreamingangebote, etc.). Ein deutlich lukrativeres Geschäftsmodell als die reine Bedienung der Endnutzer-Nachfrage.

Die Motivation für einen weiteren Breitbandausbau seitens der Telekommunikationsunternehmen wäre in diesem Fall ebenfalls sehr viel geringer. Schliesslich ließe sich in einem gut ausgebauten Netz kein Geld mit einer Überholspur für Bezahldienste verdienen.

Diese Doppelbesteuerung kann jedoch kleinere Unternehmen benachteiligen, die sich die Daten-Überholspur nicht leisten können. Oder Angebote, die aufgrund eines „Zero-Ratings“ ihrer Konkurrenz schlechte Karten haben. Ein Beispiel, bzw. potentielle Beispiele dafür lieferte bereits die Deutsche Telekom:

Der Musikdienst Spotify kann mit einer monatlichen Pauschale von 10 Euro aus dem Datenvolumen separiert werden. Nutzer können in dem Fall so viele Musikdaten laden, wie sie wollen, das Datenvolumen verringert sich dadurch nicht. Das ist sehr attraktiv, denn wer viel Musik streamt, hat sein Mobil-Datenvolumen schnell ausgereizt. Alle anderen Musikdienste haben einen klaren Wettbewerbsnachteil.

Interessanterweise gab es damals keinen Aufschrei in der Netzgemeinde. Vermutlich hatte man sich daran gewöhnt, dass im Mobilbereich Tarife anders gestrickt werden.

Ob die Geschäftsentwicklung kleinerer Unternehmen durch die Abschaffung einer Netzneutralität tatsächlich abgewürgt werden würden, ist natürlich unklar. Man könnte auch argumentieren, dass sich gute Ideen auch weiterhin durchsetzen werden.

Eine ganz andere, sehr viel positivere Einstellung zu dem Thema gibt es allerdings in den USA.

 

Mit dem Virtuous Cycle zu mehr Breitband
Wo man in Europa anscheinend eher auf Regulierung, sprich Eingrenzung der Netzneutralität setzt, haben sich die USA für die Beibehaltung der Netzneutralität entschieden.
Auf der anderen Seite des großen Teiches ist man eher optimistisch, mit der Netzneutralität ein besseres Netz zu schaffen.
Zwei Absätze eines Artikels bei netzpolitik.org beschreiben diesen Virtuous Cycle:

Neue Dienste und Applikationen, die auch – und vor allem – von bislang unbekannten Unternehmen stammen können, schrauben die Anforderungen an die dazu notwendige Netzkapazität unweigerlich nach oben. Konsumenten, die diese innovativen Angebote nutzen wollen, werden in Folge nach entsprechend breitbandigen Anschlüssen verlangen und bereit sein, dafür zu bezahlen. Die daraus resultierenden Mehreinnahmen sollten die Netzbetreiber, jedenfalls bei einer funktionierenden Marktstruktur, in den Ausbau der Infrastruktur investieren, um ihre Kunden nicht an die Konkurrenz zu verlieren. Das wiederum schafft die Grundlage für neue Angebote, die die neu geschaffenen Kapazitäten ausreizen, was zu einem weiteren Ausbau führt und so weiter.

Weil sich etablierte Platzhirschen keinen bevorzugten Zugang erkaufen können und Datenpakete selbst des kleinsten Start-ups gleichberechtigt durch das Netz transportiert werden, kann Innovation auch an den Rändern stattfinden und somit ein Umfeld schaffen, von dem alle profitieren: Diensteanbieter, die sich sicher sein können, dass ihre Angebote nach dem Best-Effort-Prinzip zum Kunden ausgeliefert werden; Netzbetreiber, denen zusätzliche Umsätze in die Kassen gespült werden; Konsumenten, die in den Genuss schnellerer Übertragungsgeschwindigkeiten kommen; und nicht zuletzt die gesamte Volkswirtschaft, die auf einer robusten und gut ausgebauten Infrastruktur aufbauen kann. Ohne Netzneutralität würden für Netzbetreiber hingegen die Anreize überwiegen, Netzwerküberlastungen mittels bezahlter Überholspuren zu monetarisieren – zu Lasten des Breitbandausbaus, der allen zugutekommt. (Hervorhebungen von mir)

Sprich: ein Nachfrage-induzierter Ausbau des Netzes kann das Thema Netzneutralität obsolet machen. In Europa wird aber lieber reguliert,  statt dass man es dem freien Markt überlässt, Probleme zu lösen.

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