Der Mehrwert der aktuellen „Beziehungsinflation“

Eine interessante Diskussion zwischen Thomas Knüwer und Umair Hague – der dieser Diskussion vermutlich nicht folgen kann, denn Herr Knüwer schreibt ja auf Deutsch.

Wie viele Facebook Freunde habt ihr? Mehr als 130 (denn dass ist der Durchschnitt)? Kennt ihr alle persönlich, sind das wirklich Freunde? Oder auch (Ex-) Kollegen, alte, fast vergessene Schulkameraden – und dann noch der nervige Typ von der Party neulich, den ihr nicht ablehnen könnt, weil er gut mit eurem besten Freund befreundet ist (der wiederum noch gar kein Facebook Profil hat)?

Dazu noch Follower auf Twitter, Kontakte auf YouTube, MySpace, Xing, Linkedin – es gibt ja fast keine Grenzen, wie viele Freundeskreisnetzwerke man sich aufbauen kann. Auch wenn die Kontaktlisten teilweise überlappen.

Die Frage, die jetzt an einigen Orten im Web gestellt wird, ist die nach der Qualität dieser Kontakte. Umair Haque nennt das eine Relationshop Inflation, was ich einen sehr schönen Ausdruck dafür finde:

Today, „social“ media is trading in low-quality connections — linkages that are unlikely to yield meaningful, lasting relationships. Call it relationship inflation. Nominally, you have a lot more relationships — but in reality, few, if any, are actually valuable. Just as currency inflation debases money, so social inflation debases relationships. The very word „relationship“ is being cheapened. It used to mean someone you could count on. Today, it means someone you can swap bits with. (Umair Haque – the social media bubble.)

Das klingt erstmal so, als wäre das ein Drama. Wäre es ja auch, wenn es um alle Beziehungen ginge.

In einer Welt Kompakt Werbung wurde das sehr schön ausgedrückt: „Wir haben online so viele Freunde, dass wir ein neues Wort für die echten brauchen.“ Das ist natürlich verkehrt herum gedacht. Aber im Prinzip stimmt es.

Unser Beziehungssystem ändert sich. Die engen Freunde werden immer bleiben, die sollten wir auch weiterhin so nennen und die Beziehungen (offline!) pflegen. Wer diese Freunde von den im Folgenden genannten nicht trennen kann, der sollte sein „Social Media“ besser ganz abschalten.

Dazu kommen all die lockeren Bekannten, die man nur 1x pro Jahr auf Parties oder Konferenzen und Barcamps sieht, mit denen man ab und zu mal zusammenarbeitet, etc. Kontakte, die man vor 15 Jahren noch nicht richtig pflegen konnte, weil die Beziehung zu lose für einen konstanten „Ping“ in Form kurzer Messages, Anstubsen/gruscheln, „gefällt mir“s und ähnlichen „hallo ich bin noch da“ Bekundungen war. Kontakte, die heute und in Zukunft aufgrund dieser neuen Möglichkeiten das Leben bereichern werden.

Denn da bin ich ganz bei Herrn Knüwer, der beschreibt, wie diese lockeren Kontakte dennoch in der Offline Welt relevant werden können:

Denn auch schwache Verbindungen können dafür sorgen, dass Menschen füreinander etwas tun. Das kann bei schnöder Unterhaltung anfangen: Man ist in einer Stadt und schaut mal, wen man dort auch nur flüchtig kennt. Ergebnis: ein Abend Zerstreuung. Informationen lassen sich auch leichter beschaffen: Wer ein Problem hat, findet via Twitter oft Hilfe. Die neuen Verbindungen verändern etwas. Wir sind bereit, uns aktivieren zu lassen. Wir setzen uns ein für Menschen, denen wir uns aus welchen Gründen auch immer nahe fühlen.

Selbst wenn das nicht klappt: Ich habe zur Zeit etwas über 530 Kontakte auf Facebook, ein paar meiner engsten Freunde sind noch nicht mal dabei, weil sie Facebook verweigern. Aber bei diesen 530 Kontakten sind ganz viele Ex-Kollegen, alte Schulkameraden, Studienkollegen, etc. dabei, von denen ich einfach gerne hin und wieder lese, was sie zur Zeit bewegt.

(Und wenn ich nach 10 Jahren mal wieder nach Schottland zurückfahre, dann kann ich meine alten Studienkollegen dort relativ schnell wieder aktivieren, weil ich die Jahre über einen konstanten „Ping“ mit ihnen hatte.)



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