Digitalisierung eines ganzen Lebens? Wozu?

Gestern habe ich noch über eine Website geschrieben, die sehr eindringlich zeigt, wieviele Möglichkeiten es in Zukunft geben könnte, Informationen zu Leuten zusammen zutragen.

Jetzt lese ich in einem Guardian Artikel (Herzlichen Glückwunsch zur 50.000ten Ausgabe, übrigens) von Nicholas Carr über Gordon Bell.

Also nicht Graham Bell, der vermeintlich zum ersten Mal Sprache elektronisch über räumliche Distanzen transportiert hat, sondern Gorden Bell, der Erinnerungen elektronisch über zeitliche Distanzen transportieren möchte:

One of the great pioneers of self-recording is Gordon Bell, a legendary computer designer who started his career with the Digital Equipment Corporation in 1960. Now 72, Bell has for the past 10 years been creating an enormous digital archive of his life. As described in a recent New Yorker article, the archive already includes more than 100,000 email messages, 58,000 photographs, copies of every web page Bell has visited since 2003 and recordings of thousands of telephone calls. A word has been coined to describe what Bell is doing – lifelogging.

Das Projekt heisst MyLifeBits und in dem New Yorker Artikel wird davon ausgegangen, dass ein typisches Leben in 2010 auf einem Handy gespeichert werden kann. Handys sind jetzt schon sehr persönliche Gegenstände, für viele Leute ein mp3 Player, Fotoapparat und meistens der einzige Speicher für viele der privaten Kontakte.

Der New Yorker Artikel ist im übrigen (zwar lang aber) sehr kurzweilig. Der Autor Alec Wilkinson hat Gordon Bell besucht und erzählt dessen Geschichte – und über drei Epiphanies, die dazu geführt haben, dass Gordon Bell mittlerweile mehr Informationen über sein Leben angesammelt hat, als sich irgendwann irgendjemand durchlesen möchte (oder könnte).

Angeblich ist es jetzt schon unmöglich, mehr Daten in einem einzigen Leben anzusammeln, als auf die heutigen Festplatten passen. Und das alles ohne Ordnung, rein chronologisch, ohne jeglichen Spannungsbogen. Wer will das sehen – das wäre ja noch nicht mal für denjenigen selbst erträglich.

Gordon Bell hat aber nicht nur alles eingescannt, er sammelt auch fortwährend neue digitale Daten zusammen. Über eine „SenseCam“ zum Beispiel, die immer Fotos macht, wenn sich jemand in seiner Nähe aufhält, oder sich die Lichtverhältnisse ändern. Um die Kamera stillzulegen, muss er sie schon in seine Tasche stecken. Er nimmt auch fast alle seiner Gespräche auf, ich hoffe mal, dass er das mit Erlaubnis seiner Gesprächspartner macht!

Man sollte sich wirklich fragen, wozu das Material genutzt werden könnte, sollte – oder, ganz wichtig, wozu es nicht genutzt werden sollte. In dem Artikel steht zurecht, dass der Mensch die psychologisch oft wertvolle Gabe hat, Dinge einfach zu vergessen.

A reliance on the actual record might also inadvertently distort our impressions.

Es wäre fast wie eine Zeitreise. Man kann jederzeit das Vergangene rekonstruieren. Detailgetreu.
Sicherlich gibt es Benefits. Je nachdem, was alles mitgeloggt wird, kann ein Doktor jederzeit feststellen, was der Patient alles gegessen hat, was er an Sport getrieben hat (oder eben auch nicht) und ob er immer seine Medizin genommen hat. Natürlich könnte ein Gericht feststellen, ob jemand lügt. Und der Ehefrau könnte man beweisen, dass man direkt von der Arbeit nach Hause gekommen ist. (Wenn sie denn der Aufzeichnung glaubt.)

People argue about the need to forget things,? he says, “but if you look at business discipline—advising that you write everything down, your goals and objectives, and return to them to see how you did, examining what went wrong—I think the same thing could happen with our personal lives. Being able to say, ‘Now I realize my tone of voice was threatening’—I think there’s a real positive aspect in having the real record of what things looked and sounded like, and sequences of events, because we often end up believing things that are not based on facts anymore. Of course, the question built in there is how much can we take? How much do we need not to know reality because we can’t bear the truth?

Aber das wäre mir viel zu gefährlich. Denn wer könnte mir versichern, dass ausser mir sonst keiner Zugriff auf diese Daten hat? Oder, noch viel schlimmer: wenn jeder Mensch diese Details über jeden anderen sammelt, dann müsste man ja höllisch aufpassen, denn dann hätte ja jeder theoretisch die Möglichkeit, verfängliche Informationen detailgetreu noch 30 Jahre später abzurufen!

Aside from issues of self-consciousness, being an entry in someone else’s archive is a problem […] A videotape, an ill-considered answering-machine message, makes an impression that is not easily undone. Gemmell imagines that the technology involved in assembling an archive will have to protect people in case someone “gets sloppy and hits the publish-to-the-world button.? He wonders whether there is a means of retracting from the record.

Bei allen bisherigen digitalen Speicherungsmöglichkeiten hat man ja immer noch die Möglichkeit der Kontrolle.

Eine ähnliche Thematik ergibt sich heute übrigens mit dem Launch von „Your Truman Show“:

…a product dedicated to publishing, rating and reviewing personal video stories. The service is a combination of personal blogging, user-generated video and social networking, delivering users an intuitive interface than enables them to catalog their lives.

Wir stecken bereits mittendrin, in dieser neuen Ära der digital aufgezeichneten Belanglosigkeiten. Die automatische Erfassung, die Gordon Bell momentan testet, wird irgendwann Marktreife erlangt haben, dann gibt es bestimmt ein Widget/Plugin für die Seite „Your Truman Show„.



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